Interview mit Jobst Bittner

Das Schweigen brechen

Das neue Buch von Jobst Bittner war der Anlass zu diesem Interview, das die Auswirkungen von bewusstem Schweigen, aber auch das Eingreifen Gottes so deutlich belegt.



Jobst Bittner, verheiratet, zwei Söhne. Er ist Theologe M.A., gründete 1990 mit seiner Frau Charlotte die TOS in Tübingen. Er hat weltweit Dienste und Gemeinden aufgebaut, damit Städte und Nationen durch die Kraft des Heiligen Geistes verändert werden.
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Haben Belastungen aus der Vergangenheit tatsächlich Auswirkungen auf unser Leben oder sogar auf das Leben der Kinder und Enkel? Was sagt die Bibel über Kollektivschuld oder stellvertretende Buße? Jobst Bittner, Gründer und Pastor der TOS Gemeinde in Tübingen hat in seinem neuen Buch „Die Decke des Schweigens“ wegweisende Erkenntnisse dazu publiziert. Für die VOICE beantwortete er einige Fragen.

 

VOICE: Wie kamen Sie auf die Thematik „Decke des Schweigens“?

 

 

Jobst Bittner: Meine Frau und ich kamen vor 30 Jahren zum Studium nach Tübingen, eine sehr hübsche, kleine, aber einflussreiche Universitätsstadt. Ihre unrühmliche Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus lag lange im Verborgenen. Man kann sagen, dass durch das antisemitische Umfeld der Stadt die Universität Tübingen zu einem ideologischen Vorreiter des Nationalsozialismus wurde und zum ideologischen Unterbau für den Holocaust beitrug. Aus der Stadt sind zahlreiche hauptverantwortliche Exekutoren der SS hervorgegangen, die für den Tod von mehreren Hunderttausend Juden verantwortlich waren. Erst Ende der 70er Jahren begann sehr langsam die Aufarbeitung.

Als Gemeindeleiter mussten wir uns mit der Vergangenheit der Stadt auseinandersetzen. Je mehr wir das taten, desto öfter stießen wir auf diese „Decke des Schweigens“. Es fing im persönlichen, familiären Bereich an. In vielen Familien gab es eine überlieferte Geschichte über ihr Erleben des Dritten Reiches, aber über die eigentliche Geschichte ihrer Traumata, Ängste oder auch ihrer Schuld wurde nicht gesprochen. Die Kinder litten darunter: Kommunikation fand nicht statt, viele entfremdeten sich oder trennten sich von den Eltern. Sie entdeckten, dass sie die „Decke des Schweigens“ in Form von Beziehungsstörungen, Verlustängsten und Mangelerfahrungen mit sich herumtrugen, ohne das mit der eigenen Biographie erklären zu können.

Die Bibel stimmt mit der psychologischen Erkenntnis überein, dass wir durch die Wahrheit innere Freiheit, Heilung und Wiederherstellung finden können. Der höchste Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen zeigt sich in der direkten Kommunikation. Ich erzähle im Buch einige Beispiele von Menschen, die es wagten, ihr Familiengeheimnis zu lüften. Sie vertrauten auf die Liebe Gottes, brachen auch ihr ganz persönliches Schweigen und erlebten Heilung ihrer Persönlichkeit.

 

 

VOICE: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

 

Jobst Bittner: Ja, zum Beispiel litt eine junge Ärztin darunter, von Menschen isoliert und nicht liebenswert zu sein, einen „Makel auf ihrem Leben“ zu haben. Ihr tägliches Leben hatte starke Begrenzungen, die sie wie eine innere Gefangenschaft empfand, begleitet von unerklärlichen Ängsten, „entdeckt zu werden“. Sie kannte zwar Teile der Familiengeschichte, begann aber noch einmal genauer zu recherchieren. Von der Wehrmachtsauskunftsstelle erhielt sie den entscheidenden Hinweis: Ihr Großvater gehörte zur Waffen-SS und war an Massenerschießungen in der Ukraine und in Russland beteiligt. Ihre Zeit der Aufarbeitung wurde von Gebet begleitet und „aufgeweicht“. Anhand der Geschichte ihres Großvaters konnte sie sich ihre Belastung erklären: „Ich hatte meine Isolation und Ängste von meinem Großvater geerbt. Jetzt konnte ich mich von Herzen unter die Schuld meines Großvaters beugen und für die Familienschuld um Vergebung bitten. Mir wurde bewusst, dass ich den „Makel“ meines Großvaters nicht länger tragen muss und er durch die Liebe Gottes zerbrochen ist.“

 

VOICE: Dann ist es also immer noch zu früh, das Kapitel des Nationalsozialismus in Deutschland abzuschließen?

 

Jobst Bittner: Dieses Thema ist aktueller denn je und darf niemals abgeschlossen werden. Dafür gibt es schwerwiegende Gründe:

1. Noch nie herrschte in Deutschland eine derartige Unkenntnis über den Holocaust, die heute verharmlosend, relativierend daherkommt. In einer Umfrage der Uni Wiesbaden waren über 50 % der Deutschen der Meinung, dass die Israelis den Palästinensern heute das Gleiche antun, wie es Nazideutschland den Juden damals angetan hat. Das gibt dem Antisemitismus auch in Deutschland neue Nahrung.

2. Das Volk der Juden ist – in Gestalt des modernen Israels – von einem neuem Holocaust in Form von antisemtischen, vernichtungsbereiten Kräften bedroht. Es ist kein Zufall, dass sich der Iran mit seiner Holocaustleugnung und seinem atomaren Vernichtungsplan gegen Israel stellt. In der Öffentlichkeit wird das kaum als Problem wahrgenommen.

3. Während in den Medien und in der Öffentlichkeit eine beispielhafte Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit stattgefunden hat, sind meiner Meinung nach Kirchen und Gemeinden davon noch weit entfernt. So wie die Werke der nationalsozialistischen Vertreter einer arischen Theologie der „Deutschen Christen“ in den Universitätsbibliotheken immer noch zu finden sind, liegt über Freikirchen und Kirchen immer noch die Decke ihrer unaufgearbeiteten Vergangenheit. Wir werden nur aus der Geschichte lernen und eine Wiederholung vermeiden können, wenn wir uns der Wahrheit des Holocaust beständig bewusst sind. Ein Beitrag dazu soll auch der „Marsch des Lebens“ sein.

 

VOICE: Wie kam es überhaupt zum Marsch des Lebens?

 

Jobst Bittner: Wir fanden 2007 heraus, dass es aus der Umgebung von Tübingen, wo es kleinere KZs gab, Todesmärsche nach Dachau gab. Also entschlossen wir uns, gemeinsam mit Holocaustüberlebenden, ihren Nachkommen sowie Nachfahren, deren Väter oder Großväter direkt oder indirekt am Holocaust beteiligt waren, eine Versöhnungs­wanderung nach Dachau durchzuführen. Das Ergebnis war erstaunlich: Versöhnung, Heilung und Berichte in den Medien, sogar in der Jerusalem Post in Israel. In den nächsten Jahren weitete sich der Marsch des Lebens erstaunlicherweise bis in die USA aus mit dem Schwerpunkt, Holocaustüberlebende zu ehren und mit ihnen gemeinsam ein Zeichen zu setzen.

In diesem Jahr fand der Marsch des Lebens in 40 Städten in den USA und in zehn Ländern statt. Er ist ungeplant zu einer richtigen Bewegung geworden und steht dafür, dass Christen zusammen mit Juden öffentlich ein Zeichen gegen den modernen Antisemitismus setzen. Sie gehen dabei auf den Routen ehemaliger Todesmärsche, auf denen entweder Juden in die Todeslager gebracht oder bei deren Auflösung zum Ende des zweiten Weltkriegs in andere Lager überführt werden sollten. 250.000 Menschen kamen auf den Todesmärschen vor den Augen der deutschen Bevölkerung ums Leben!

 

VOICE: Wer kann am Marsch des Lebens teilnehmen?

 

Jobst Bittner: Alle sind zur Teilnahme eingeladen. Ich empfehle jedem Teilnehmer, ganz einfach auch mal bei sich selbst zu schauen, ob eine „Decke des Schweigens“ über ihm oder seiner Familie zerbrochen werden sollte. Wir erleben, dass Teilnehmer, die persönliche Erschütterung über die Familienschuld erlebt haben, bei den Versöhnungsveranstaltungen von Gott stark gebraucht werden und eine wichtige Rolle spielen.  Der größte Marsch des Lebens 2012 ist, neben Märschen in vielen anderen Ländern, in New York geplant. Alle Informationen, Hinweise und auch die Möglichkeit sich anzumelden gibt es auf unserer Homepage www.marschdeslebens.org oder im Büro der TOS Dienste, Tel: 07071/35600.

 

VOICE: Gibt es die „Decke des Schweigens“ auch im Leben einzelner Menschen, die weder mit dem Holocaust noch mit dem Hitlerreich zu tun haben?

 

J. Bittner: Ich bin überzeugt, dass es diese Decke in dem Leben eines jeden Menschen gibt. Die Bibel spricht darüber, dass unsere „Gebeine verschmachten“ – oder moderner ausdrückt, es uns einfach „sauschlecht“ geht, wenn wir unsere Sünde verschweigen und tief in uns verborgen mit uns herumtragen. Gleichzeitig bietet sie uns z. B. in 1. Johannes 1,9 den Lösungsweg an, der die besten Resultate hat: „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ Wer die Wahrheit als den Weg zur Gnade kennen lernt, wird durch die Vergebung Jesu heim ins Vaterhaus finden. Es ist der Königsweg zu einer wundervollen Beziehung zum lebendigen Gott.

 

VOICE: Herzlichen Dank für diesen wichtigen Impuls für ein Leben ohne Belastungen aus der Vergangenheit durch eine Entscheidung für Jesus.



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