Christina Brudereck, Essen

Ostern feiern wie Frühling

Stille – Sterben – Auferstehung. Die bekannte Jugendevangelistin und Buchautorin spricht über ihre persönliche Gestaltung der Osterzeit.



Christina Brudereck, geb. 1969, ist Theologin, Jugendevangelistin und Autorin. Sie ist Mitbegründerin des CVM-Projekts e/motion und Gründerin der Fraueninitiative Sisterhood. Mehr Informationen: www.christinabrudereck.de
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Meine Mutter hat mir einen tiefen Sinn für den Jahreszyklus und das Kirchenjahr vermittelt. Im Sommer gab es Obst und Gemüse und es wurde Marmelade für den Winter eingekocht. Niemals hätte es bei uns Zuhause im Dezember Erdbeeren gegeben. Ab und zu kamen Mamas Cousinen aus ihrem Heimatdorf und brachten Erbsen, Bohnen und Kürbisse. Ich habe gelernt, dass man nicht immer alles haben kann und dass etwas dann lecker ist, wenn es reif ist und nicht weil man das Geld hat, es zu kaufen, wann immer man will. Meine Mutter hat mir den Rhythmus, die Regelmäßigkeit von Sonntag und Alltag, von feiern und arbeiten beigebracht. Sie hat mir gezeigt, mich unterbrechen zu lassen und nicht „immer so weiter“ zu arbeiten, zu leben, zu konsumieren. Sie gab jeder Zeit im Jahr ihre eigene Note. Ganz bewusst wurden die Jahreszeiten erlebt und ich lernte: Zeit ist nicht gleich-gültig, es gibt heilige Tage und besondere Momente im Jahr, die besondere Aufmerksamkeit brauchen.

 
Das Gespür für Jahreszeiten ging bei uns Zuhause einher mit dem Bewusstsein für das Kirchenjahr. So wie im dunklen kalten Dezember mit jedem Adventssonntag mehr Kerzen angezündet wurden, um Licht in die Welt zu bringen, so wurde der Frühling mit Ostern lebendig und nach dem nassen Grau wurde das lebendige Grün gefeiert.
Aber wie in der Natur muss das Leben immer erst durch den Tod. Das Grün kommt aus der Erde, aus einem Samenkorn, das zunächst unter- und dann erst wieder aufgegangen ist.
So wurde die Karwoche, diese besonderen Tage vor Ostern, bewusst als notwendige Trauerzeit gestaltet, als Vorbotin des großen Festes. Die „Kar“woche, abgeleitet vom althochdeutschen „kara“ für Klage, Kummer und Trauer, eine heilige Woche – meine Mutter verstand es, mit einfachen Mitteln, das Besondere dieser Zeit deutlich zu machen.
 
Stille
Still wurde es im Haus. Ab Montag wurde keine Musik mehr gehört. Das Klavier blieb stumm. Wir sangen nicht. Selbst trällern oder pfeifen schien irgendwie unangemessen. Auch der Dienstag war ruhig. Das Haus war nicht wie sonst mit Blumen geschmückt, nur ein paar Zweige im Fenster, eine Bodenvase mit Dornen im Flur, auf dem Esstisch ein paar kahle Weidenkätzchen. Am Mittwoch sehnte man sich sogar schon nach den ansonsten unbeliebten Fingerübungen auf dem Klavier. Seufz: Nur eine Tonleiter, um diese merkwürdige Ruhe zu unterbrechen. Aber wir hielten das Schweigen aus, denn in ihm lag etwas Gespanntes, eine zarte Vorfreude.
Gründonnerstagabend wurde in der Gemeinschaft mit anderen das Abendmahl gefeiert, das heilige Teilen, das Jesus kurz vor seinem Abschied mit seinen Vertrauten beging. Mit einem Gefühl davon, dass in dieser Nacht etwas Großes passieren würde, das merkwürdigerweise schrecklich und gleichzeitig wunderbar war, gingen wir Kinder zu Bett. In der Karwoche wuchs seit frühster Kindheit eine Ahnung in meinem Herz: Wenn die Verhaftung, die Folter, ja der Tod Gottes am Ende Erlösung bedeuteten, dann kann in alle Ewigkeit das Schlimmste verwandelt werden und sich zum Besten wenden.
Eine Woche kann lang sein. Man kann Blumen sehr vermissen, oh ja, und Lieder, Farben, Töne, Lebendigkeit. Ich wusste, auch meine Mutter sehnt sich von Tag zu Tag mehr nach dem Osterfest. Noch galt es, abzuwarten.
 
Sterben
Karfreitag. Um drei Uhr, zur Todesstunde Jesu, schlug die tiefste Glocke der alten Kirche für eine Viertelstunde einen dumpfen Ton an und schickte ihn durch das ganze Dorf. Ein Klang, der großen Ernst einläutete. Zuhause wurde die Geschichte von der Kreuzigung gelesen. Danach war es ganz still. Alles schmeckte nach Aushalten und Abwarten. Man konnte jetzt einfach nichts mehr tun. Jesus hing am Kreuz, litt, weinte und starb.
Ich habe die Traurigkeit, die sich an diesem Nachmittag immer über unser Haus legte, nie als künstlich empfunden, als übertrieben oder bloßes Ritual. Obwohl ich nicht in der Tiefe verstanden habe, was hier genau geschah, zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch, Vater und Sohn, empfand ich es irgendwie als angemessen, dem Geschehen Bedeutung zu geben, Zeit einzuräumen, ihm nachzudenken und es mitzuerleben.
 
Vorbereitung
Der Karsamstag knüpfte noch eben an die Stille der Woche an, um sich dann allmählich und immer schneller zu verwandeln. Es wurde eingekauft, vor allem Blumen auf dem Markt. Die Kisten mit Oster- Deko wurden aus dem Keller geholt. Und dazu die Forsyzien, die hier schon seit ein paar Tagen warteten, damit man die Dornen jetzt gegen sie austauschte. Eifriges Treiben. Die grünen Zweige wurden mit buntem Schmuck behängt. Osternester aus grünem Moos mit Schokoladeneiern gefüllt. Überall auf einmal grüne Lindigkeit. Ostereier wurden gekocht und gefärbt und mit Butter glänzend gerieben. In die Fenster wurden Bilder gehängt und auf die Tische die Decken mit den bunten Stickereien. Und im ganzen Haus sah man endlich wieder Blumen. Volle Sträuße strahlender Osterglocken, Tulpen, blaue Traubenhyazinthen, rosa Bellis. Die Farben waren wieder da! Es roch sogar nach Grün. Das ganze Haus verwandelte sich und erlebte mit uns Ostern.
 
Auferstehung
Sonntag. Jesus ist auferweckt worden. Die Sonne scheint. Die Nacht ist vorbei und das kara, Klagen auch. Der Winter ist abgeschlossen, der so kalt war wie ein Grab und so leblos. Der Frühling ist da. Etwas Großes ist geschehen, ein Neuanfang. Sichtbar. Erlebbar. Es ist erschienen die lindgrüne Freundlichkeit, die Lindigkeit Gottes. Eine neue Leichtigkeit wirbelt durch unser Leben.
Auch heute kann ich Ostereier in der Karwoche nicht ertragen und bunte Blumen mag ich in dieser Zeit nicht sehen. Ich empfinde die Dornen und Disteln als angemessen, die Stille und den Ernst. Und ich erlebe denselben Eifer, wenn am Karsamstag, irgendwann nachmittags, die Stimmung dreht, die Welt umgekehrt wird und aus dem Sterben das neue Leben entsteht, aufersteht. Meine Sehnsucht, Ostern zu erleben, ist noch größer als die Sehnsucht nach dem Frühling. Ich danke meiner Ma, weil sie mir gezeigt hat, wie man der Lebensfreude Ausdruck und Schmuck verleiht und Gott danke ich für das Grün und jede Auferweckung.


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